Semesterthema

Internationale Frühjahrsakademie in Eichstätt, Mai 2007

Vom 14. bis 19. Mai trafen sich in Eichstätt auf Einladung von Professor Michael F. Zimmermann (Lehrstuhl für Kunstgeschichte, KU Eichstätt-Ingolstadt) renommierte Fachleute und junge Nachwuchswissenschaftler aus dem In- und Ausland zur 5. Internationalen Frühjahrsakademie. Ausgerichtet hatte die Veranstaltung, die im Spiegelsaal der ehemaligen Fürstbischöflichen Residenz eröffnet wurde, der Masterstudiengang „Historische Kunst- und Bilddiskurse“ und das „Internationale Netzwerk für Kunstgeschichte (www.proartibus.net)“.

Nach der Begrüßung durch Bischof Hanke, den stellvertretenden Landrat Zecherle und den Präsidenten der Katholischen Universität, Professor Wimmer, gingen die Teilnehmer von ihren jeweils fachtypischen Positionen her an das Thema der Tagung „Die Kunstgeschichte und die Herausforderung der Anthropologie“. Die Vertreter einer mit Ethnologie teilidentischen (Kultur-)Anthropologie richteten den Focus auf den Menschen als Schöpfer und Geschöpf visueller Kulturgüter. Die Vertreter einer zur ikonozentrischen Kulturwissenschaft geöffneten Kunstgeschichte fokussierten die produktions-, darstellungs- und rezeptionsästhetischen Spezifika von bildhaften Gestaltungen in ihren historischen Ausprägungen.

Zunächst erschlossen Referate zum thematischen Block „Ikonen, Reliquien, Mythen“ Einblicke, die sich eröffnen, wenn künstlerische bzw. kunsthandwerkliche Erzeugnisse kultisch-religiöser Herkunft aus kunstgeschichtlichem und anthropologischen Blickwinkel betrachtet werden. Bei ihren Betrachtungen konzentrierten sich Kunsthistoriker auf die ästhetisch-bildkünstlerischen Elemente, Anthropologen hingegen auf die funktionalen Aspekte der von Mythologie bzw. von Theologie inspirierten Darstellungen. In ihrer Komplementarität ließen die Ausführungen zutage treten, wie gesellschaftliche Groß- oder Kleingruppen aus ihren individuellen Bedürfnissen heraus neue ikonographische Vorlieben entwickelten und diese Verbildlichungen gleichermaßen zum bildhaften Ausdruck wie zum formierenden Instrument ihrer neuartigen gemeinsamen Mentalität funktionalisierten.

Die Vorträge zum Schwerpunkt „Anthropologie des Körpers und Anthropologie der Sichtbarkeit“ widmeten sich dem Zusammenhang der bildkonstitutiven Determinanten Körper und Medium. Die für die Ansätze des jeweils anderen Fachs aufgeschlossenen Vortragenden aus Kunstgeschichte und Anthropologie profilierten Vorstellungsbilder bzw. Abbildungen als mediale Verkörperungen eines ursprünglich Körperhaften, die seit jeher der Betrachter im leiblichen Akt der Wahrnehmung belebt und reflektiert (hat). Sie machten darauf aufmerksam, dass die in diesem sich permanent wechselseitig bedingenden Prozess erzeugten Bilder und die abbildenden Mittel über den Körper modal verbunden werden. Dadurch lenkten die Darlegungen zugleich die Aufmerksamkeit auf die Materialität der Kunstwerke und der Kunstproduktionsverfahren.

In welcher Weise die Anthropologie und ihre methodischen Ansätze die historische Kunstwissenschaft herausgefordert und beeinflusst hat, verdeutlichten die Referenten im Programmsegment „Das Vorbild der Anthropologie“ an der persönlichen Entwicklung und an der individuellen Arbeitsweise maßgeblicher Grenzgänger zwischen beiden Disziplinen. Unter anderem wurde dabei deutlich, wie die Beschäftigung mit Artefakten und Ritualen urtümlicher indianischer Kulturen dazu beitrug, bei Aby Warburg diejenigen Interessen für kulturpsychologische Motivationen des bildnerischen Ausdrucks und der kollektiven (Bild-) Gedächtnisbildung zu begründen, die ihn zum anthropologischsten unter den Kunsthistorikern machten.

Exkursionen führten die Wissenschaftler nach München ins Museum für Völkerkunde sowie ins Lenbachhaus und in die Alte Pinakothek, wo markante Problemstellungen der Frühjahrsakademie anschaulich wurden. Die Besichtigungen unterstützten Vortragende und Diskutanten, das Verhältnis von künstlerischer Produktion und ethnologischem Kulturgut, die Hierarchisierung von Höhenkammkunst und Alltagskultur, insbesondere deren Präsentation in Museen und Galerien zu reflektieren. Die Reflexionen galten den ästhetischen, soziopolitischen und wissenschaftsparadigmatischen Bedingungen für den Wandel museologischer Konzeptionen, der in ethnologischen und künstlerischen Schausammlungen eine veränderte Darbietung bewirkte. In den Blick genommen wurden die in jüngerer Zeit vollzogenen Veränderungen. Sie bestanden darin, dass zum einen Völkerkundemuseen die implizite Abwertung ihrer Stücke zu Zeugnissen defizitärer Kulturfähigkeit durch eine explizite Aufwertung ihrer Objekte zu Dokumenten eigenwertiger Kulturleistung substituierten; dass zum anderen Kunstmuseen von einer Hervorhebung der einzelnen Meisterwerke in einer die Einzigartigkeit betonenden Exposition zu einer Integrierung des künstlerischen Opus in eine als Gesamtkunstwerk bzw. als Erlebnisraum/-park gestaltete Ausstellung übergingen. Bei allen feststellbaren Divergenzen der Museenrealität akzentuierten Vorträge und Diskussionen eine Grundtendenz, die jeder musealen Ausstellungspraxis eignet - nämlich durch Arrangement und Inszenierung der Exponate eine Optik zu schaffen, die ein erkenntnisleitendes Bild des Ausgestellten kreiert und transportiert.

„Anthropologien des Nationalen“ standen auf dem Programm, da sie über ihre nationen – bzw. gruppenbezogenen Vorstellungs- und Wahrnehmungsmuster darauf schließen lassen, wie und warum Völker- oder Sozialgemeinschaften sich Identität(en) verschaffen im und durch den Umgang mit kultureller und ethnischer Alterität bzw. Alienität . Die grundsätzlich imagologisch arbeitenden Untersuchungen interessierten sich für die Genese, Entwicklung, Wirkung nationaler Selbst- und Fremdbilder. Insbesondere machten sie deren von bewussten und unbewussten Setzungen bzw. Projektionen geleiteten Konstruktcharakter durchschaubar. Aufgrund ihrer vorwiegend bildwissenschaftlichen Ausrichtung spezifizierten einige die (ver)bildlichen(den) Besonderheiten bzw. die ästhetische Wirkkraft der teils idealisierenden, teils pejorisierenden Perspektiven auf Ethnien und Gesellschaftsgruppen. Aufgrund ihrer vorwiegend mentalitätsgeschichtlich-anthropologischen Forschungsinteressen legten andere die sozio-historischen und sozialpsychologischen Voraussetzungen für die wahrnehmungsprägende und folglich realitätskonstituierende Wirkkraft dieser Einzel- und Kollektivsichtweisen vermengenden Schemata offen. Zugleich verfolgten sie die Konsequenzen dieser wirkmächtigen Selbst- und Fremdheitsprofile für die Identifikation mit bzw. für die Distanznahme von anderen Sozial- und Völkergemeinschaften.

Zentrales Thema des Blocks „Vom Primitivismus zur Gegenwartskunst“ waren die Beziehungen zwischen europäischer und außereuropäischer Kunst. Die Referierenden erinnerten daran, dass Bilder und Imaginationen des geographisch und ethnisch Fremden in Gestalt des Exotischen und des Primitiven seit altersher den Fundus der westlichen Künste bereicherten. In klassisch kunstgeschichtlicher Manier befassten sich einige mit der Ikonographie der fremden Ethnien in deren in Europa entstandenen Darstellungen sowie mit dem stilistischen Einfluss außereuropäischer Artefakte auf die europäische Kunst. Dabei zeichneten sie nach, wie Künstler zuerst Bildmuster für Repräsentanten realer Völkerschaften entwickelten, dann räumliche und soziale Milieus aus dem Fernen Osten exotisierten, schließlich sich bewusst und schöpferisch visuelle Hervorbringungen archaischer und urtümlicher (sogenannter primitiver) Kulturen anverwandelten. Andere konturierten die vorwiegend ästhetischen und kulturphilosophischen Motivationen, die Maler und Bildhauer in der Moderne veranlassten, sich Formen, Inhalte, Materialien, Techniken der sogenannten Primitiven als Anregungs- und Innovationsquelle zur Erweiterung bzw. Erneuerung ihrer individuellen Bildsprache und/oder des allgemeinen Kunstsystems zu bedienen. Doch entgingen, so wurde pointiert, die Künstler in manchen ihrer Verbildlichungen kultureller und ethnischer Alterität , in denen sie eigentlich deren Hochschätzung auszudrücken beabsichtigten, nicht den Einflüssen herabwürdigender sozio-politischer Ideologien ihrer Zeit. Dass derartige zeitgenössische ideologische Diskurse künstlerische Werke infiltrierten, deckten von den „postcolonial studies“ inspirierte Beiträge auf, indem sie an gemalten oder skulptierten Beispielen einen untergründig vorhandenen hegemonial-imperialen, kolonisierenden oder sozialdarwinistischen „Blick“ identifizierten und herauspräparierten. Im gleichen Verfahren erfuhr der postkolonialistische „Blick“ der Künstler bzw. der Kunsttheoretiker aus Asien und Afrika, den diese heute auf die traumatisierende Kolonialkultur und ihr zählebiges Nachwirken richten, seine Charakterisierung. Deren Debattten über das Verhältnis von Kunst und kultureller Differenzierung, über Prozesse der Hybridisierung, über Möglichkeiten zu alternativen Kunstsystemen, die derzeit in ehemals kolonisierten Ländern laufen, wurden anhand charakteristischer Positionen und Perspektiven skizziert. Wie und warum sich ästhetische Konzepte und künstlerische Praxis von ebenso neuartiger wie emanzipatorischer Qualität in der Spannung zwischen Distanzierung vom kolonialen Erbe und Rückwendung zu den eigenen Wurzeln, zwischen lokalen Traditionen und globalen Trends entwickeln und realisieren, wurde an paradigmatischen Fällen. illustriert.

Referate und Diskussionen der internationalen Teilnehmerschaft demonstrierten eindrucksvoll im Lauf der einwöchigen Tagung, welch produktives Potenzial entsteht, wenn anthropologische und kunstwissenschaftliche Perspektiven zusammengeführt werden. Dass eine derartige durch Inter- und Transdiziplinarität ermöglichte Polyperspektivität eine Vielzahl innovativer Aufschlüsse über Höhenkammkunst und Alltagskultur hervorbringen, haben die Wissenschaftler effektiv und überzeugend in ihren Annäherungen an visuelle Kunst- und Kulturgüter bewiesen. Gelegenheit, den fachlichen Dialog fortzusetzen, aber auch das persönliche Gespräch zu pflegen, boten den Teilnehmern zwei stilvolle Empfänge im barocken Ambiente des Hofgarten und des Holzersaals, die die Frühjahrsakademie rahmten.

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